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Erstellt 1 week ago

Text

Als sein Sohn den Boden berührt, umarmt er ihn, als sei er gerade von einer Weltraummission zurückgekehrt und habe einen Kometen rechtzeitig zerstört, kurz bevor er auf der Erde eingeschlagen wäre. Ich stehe etwas verwundert daneben. Der Vater bemerkt dies offensichtlich und wendet sich mir zu. „Hier gibt es kaum sichere Spielmöglichkeiten!“, schimpft er. „Naja,“ antworte ich ihm, „meinem Sohnemann macht das hier alles schon eine Menge Spaß!“ „Jau!“, höre ich neben mir eine bestätigende Stimme – Pauli hat sich zu uns gesellt. „Spaß? Vielleicht. Aber um welchen Preis?“, antwortet er, „Schauen Sie sich nur die Knie Ihres Sohnes an. Übersäht von blauen Flecken! Und jetzt sehen sich die Knie meines Sohnes an. Tja. Nicht ein Kratzer. Echte Super-Knie!“

Dann habe ich geantwortet, dass … Wie gerne würde ich den Text so weiterschreiben.
Doch dafür blieb weder die Gelegenheit, da die beiden schnell verschwanden, noch war ich in der Sekunde so schlagfertig, um das „Super-Knie“ zu kontern.

Ich meine „Super-Knie“, ernsthaft? Ist es dass, was wir Eltern wirklich wollen? Dass unsere Kinder jeder möglichen Blessur aus dem Weg gehen? Ich verstehe, wo das herkommt. Wir alle haben Angst um unsere Kinder. Manchmal stärker als es uns lieb ist. Nur sollten wir nicht den Fehler machen und uns der Angst total ausliefern und dadurch womöglich falsche Schlüsse ziehen.

Wir waren doch auch mal Kinder. Wir spielten auf Spielplätzen, streiften durch Wälder, spielten Fußball im Garagenhof. Wir fielen auf den Po, auf die Hände. Wir schürften uns die Ellbogen auf, holten uns auch mal eine Beule am Kopf – damals nannten wir es noch scherzhaft „dickes Ei“. Wir kennen das Gefühl, wenn man eine schöne dicke Kruste zu früh von der Wunde löst. Die blauen Flecken an unseren Knien waren keine Makel, sie waren Trophäen. Zeugnisse unseres Übens. Immer wenn wir hinfielen, lernten wir auch etwas. Wir versuchten beim nächsten Mal genauer hinzuschauen. Das Gleichgewicht besser zu halten. Unsere Eltern vertrauten uns und haben uns damit gestärkt.

Liebe Super-Knie-Eltern, ich weiß, ihr wollt euer Kind um jeden Preis schützen, doch könntet ihr am Ende damit mehr Schaden anrichten, als ihm tatsächlich zu helfen. Dieser Gedanke geht weit über irgendein Knie hinaus. Das Leben da draußen ist hart genug, wenn wir unsere Kinder zu sehr vor eigenen Fehlern abschirmen, dann sind sie, wenn sie einmal selbst Erwachsen sind, kaum auf die Probleme des Lebens vorbereitet. Traut euren Kindern mehr zu. Habt keine Angst davor, wenn mal etwas nicht klappt – glaubt mir, sie sind robuster als unsere Ängste uns das weißmachen wollen. Eure Zuversicht, euer Vertrauen wird euer Kind sofort spüren. Es wird mutig und tapfer sein. Genauso wie ihr einst ward. Probiert es doch mal aus!

Euer Blaue-Knie-Papa, Markus

PS.: Ihr dürft den Text gerne teilen.