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Prolog
—Vor einem Jahr—
Für den Bruchteil einer Sekunde erhellte ein
greller Lichtblitz die Gestalt einer Frau, die im
strömenden Regen durch den Wald irrte. Das
Grollen des Donners übertönte ihr schweres
Atmen und das Knacken der Zweige unter ihren
Füßen – nicht aber das ohrenbetäubende Heulen
der Sirenen, das durch die Luft schallte. Sie
rannte orientierungslos und verzweifelt, ohne
Ziel, ohne Plan; einfach weg.
Das große Gebäude hinter ihr, das normalerweise
gesichtslos in monotonem Grau in den Himmel
ragte, erstrahlte jetzt trotz des dichten
Regenvorhangs wie ein Weihnachtsbaum in Rot,
Grün und Gelb blinkendem Warnlicht. Das Licht
eines Suchscheinwerfers durchbrach die
Dunkelheit auf dem Gelände und dem
umliegenden Waldstück. Leichtfüßig tanzte das
Mädchen durch das Unterholz, um dem Licht
auszuweichen. Nach kurzer Zeit lag das Gebäude
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weit hinter ihr außer Sichtweite und die Stille der
Nacht schluckte das Gellen der Sirenen.
Unermüdlich setzte sie einen Fuß vor den
anderen, noch immer ohne konkretes Ziel. Ihr
Körper schaltete auf Autopilot und steuerte den
Ort an, den sie einst ihr Zuhause nannte – vor
ihrer Entführung. Wäre sie im Stande gewesen,
einen klaren Gedanken zu fassen, wäre sie sich
der Gefahr, nach Hause zurückzukehren, bewusst
geworden – ihre Verfolger wussten von ihrer
Verbundenheit mit diesem Ort. Aber sie konnte
nicht klar denken – sie konnte nur rennen.
Wegrennen.
Der Schrein lag verborgen am Hang eines Berges.
Der Pfad dorthin, einst häufig genutzt, war nun
überwuchert, doch das war für das Mädchen kein
Problem – sie konnte den Weg mit verbundenen
Augen finden.
Auf den letzten Metern, bevor sie den Schrein
erreichte, wurden ihre Schritte schwerer und
langsamer. Nach einer gefühlt stundenlangen
Flucht durch undurchdringliches Dickicht und
steile Felsen übermannte sie schließlich die
Erschöpfung. Ein weiterer Blitz erhellte den
Nachthimmel und erlaubte für einen Augenblick
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die Sicht auf das verblichene Rot des kleinen
Schreintors, dem torii, welches den Eingang zu
ihrem Zuhause markierte.
Eine Woge der Erleichterung brach über ihr
zusammen, als sie das Tor durchschritt und
endlich den geweihten Boden betrat. Wenige
Schritte hinter dem Eingang übermannte sie das
Gefühl der Erleichterung. Das Adrenalin, das
während der Flucht durch ihre Adern strömte,
verließ ihren Körper und erschöpft brach sie
zusammen.
Als sie spürte, wie ihr schwarz vor Augen wurde
und sie ihr Bewusstsein verlor, legte sie ihre zwei
spitzen Ohren eng an ihren Kopf an und schlang
ihre Schwänze wärmend um sich.